Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt: die Zukunft der digitalen Gesellschaft

rifkin

Auf meinem Nachttisch liegen gerade zwei Bücher ganz oben –„The Circle“ von Dave Eggers und daneben „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ von Jeremy Rifkin. Ich lese beide parallel – und dabei spannt sich das ganze Panorama der digitalen Gesellschaft auf, von Dystopie bis Utopie. „The Circle“ beschreibt, wie ein weltumspannendes Monopol, das etwa aus einer Fusion von Google, Facebook und Amazon entstehen würde, ein totalitäre Regime erschaffen kann, in dem Transparenz und Partizipation zum Zwang werden. Die grenzenlose Datennutzung und der Verlust der persönlichen Freiheit werden in diesem Roman packend beschrieben und auf die Spitze getrieben. „Privatsphäre ist Diebstahl“ lautet ein Slogan des fiktiven Unternehmens „The Circle“, das alle Daten und Handlungen seiner Nutzer öffentlich macht und 100% Transparenz fordert. Die vernetzte Gesellschaft wird dabei zum Untergang der bürgerlichen Gesellschaft und Demokratie.
Ganz anders die „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“: Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich die Vision eines alternativen Wirtschaftssystems, das auf Teilen und Tauschen beruht. Die „Sharing Economy“ entwickelt sich derzeit, so argumentiert Rifkin, zum Alternativmodell des kapitalistischen Systems und wird dieses sogar ersetzen. Das Verschwinden der „Grenzkosten“ bedeutet, dass Produkte und Services zu nahezu null Kosten produziert werden können, wenn sie einmal entworfen sind. Durch 3D-Druck und Open Source Modelle, gepaart mit einer autonomen Energieversorgung aus alternativen Quellen, sinken die Kosten der Produktion drastisch. Jeder kann nahezu alles produzieren, so die Vision, die Neil Gershenfeld mit seiner Idee des dezentralen Produzierens im FabLab bereits formuliert hat. Sein programmatischer Titel eines Seminars am MIT lautete: „How to make almost anything“. Gepaart wird diese Vision zudem mit einem Werte-Codex: Gesellschaftliche Relevanz und soziale Reputation sind in diesem System die Währung. Aus dieser Motivation heraus teilen Menschen ihr Wissen und schaffen gemeinschaftliche Plattformen dafür – wie es in der Open Source Bewegung gelebt wird. Durch das kollektive Arbeiten werden die Ergebnisse darüber hinaus noch verbessert – so dass – in der Theorie – alle profitieren können.
Diese beiden Bücher parallel zu lesen spiegelt die Chancen und Risiken der digitalen Gesellschaft extrem wider. Und die Unentschlossenheit, in welche Richtung das Pendel ausschlagen wird, was die dominante Narration der vernetzten Gesellschaft in Zukunft sein wird. Noch vor gut einem Jahr, vor dem NSA Skandal, wäre ich geneigt gewesen, Rifkin zu folgen und das revolutionäre Potential der Vernetzung für eine bessere Gesellschaft zu feiern. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. „The Circle“ erhebt Partizipation zum Dogma – den Begriff, mit dem ich so viel Positives verband, da Teilhabe ein demokratisches Grundprinzip ist, da es einer inklusiven Gesellschaft den Weg bereitet, da Teilen eine Handlung ist, die Gemeinschaft erzeugt. Zum Dogma erhoben, wenn Transparenz zur Bedrohung wird und jegliche Privatsphäre schwindet, erleben wir ein totalitäres System. Entweder Du machst mit, oder Du bist raus – existierst gar nicht in der vernetzten Gesellschaft. Haben Jugendliche heute eigentlich die Wahl, Facebook (oder seine Nachfolger) nicht zu nutzen? Haben wir eine Alternative zu den bequemen Google-Diensten, die noch dazu gratis sind? Haben wir eine Möglichkeit, nicht mit unseren Daten zu bezahlen?
Wenn man diese beiden Bücher parallel liest, so wie ich es tue, kommt man etwa in der Mitte raus – zwischen Euphorie und Depression. Bei mir überwiegt aber weiterhin die Begeisterung über die vernetzte Gesellschaft – keine Sorge.